L i t e r a t u r e


Don't call it trip hop!
Visions - Musik für die Neunziger! 11/96
Alex Brandt, Thorsten Zahn

Red Snapper
Wiseguys
The Sneaker Pimps
Kruder & Dorfmeister

Die Musikgeschichte ist um eine Erfolsgsstory reicher. Seit zwei, drei Jährchen ist das Wort Trip Hop in aller Munde, und rückblickend weiss keiner so richtig, woher es plötzlich kam, wer damit anfing und was genau darunter zu verstehen ist.

Offensichtlich ist jedoch, dass es Anfang der Neunziger galt, eine neue Stelle zwischen HipHip, Techno und klassischem Songwriting zu besetzen: Immer mehr Musiker produzierten Instrumentals am Computer, verfeinerten sie mit diversen Effekten, Samples, Scratchings oder auch Vocals, die nicht gerappt, sondern gesungen wurden. Die Wegbereiter der neuen Stilistik werkelten im (grösstenteils) britischen Untergrund und entdeckten die Möglichkeiten und Klangfarben, die die elektronische Musikproduktion beinhalteten. Als Inspirationsquelle reichte im Grunde die eigene Plattensammlung: aus Millionen von Versatzstücken und Stilen, die man variieren, verdrehen und zusammensetzen durfte wie nie zuvor, wurde eine komplette neue Benutzeroberfläche geschaffen. Jeder, der sich ein paar Gerätschaften zugänglich machen konnte, war in der Lage, schöne Musik zu machen, ohne zwingend ein Instrument zu beherrschen.

Massive Attack (hervorgegangen aus dem HipHop-Kollektiv Wild Bunch) entwickelten einen ersten, massen-kompatiblen Entwurf. Sie engagierten Gastsängerinnen (Nicolette, Shara Nelson, Tracey Thorn), die die smoothen Beats mit ihren einprägsamen Stimmen veredelten. Portisheads 'Dummy' sowie ex-Wild Bunch-Member Trickys 'Maxinquaye' brachten den Durchbruch auf breiter Ebene. Jeder wollte die Platten mit den unglaublich traurigen bzw. sexy Frauenstimmen und den feingesponnenen Soundgeweben haben. Spätestens seit diesem Zeitpunkt wurde der Begriff TripHop allgemein salonfähig - wer ihn sich zuerst ausgedacht hat, weiss der Himmel. Obwohl sich eigentlich alle einig sind, dass der Kategorisierungswahn die Pest ist, wurde der Produktname aufgegriffen, ist inzwischen in allen Plattenläden, Mailorderlisten und Fachzeitschriften präsent und bezeichnet einen stark expandierenden Zweig von Bands und Platten.

Merkwürdig ist eigentlich nur, dass fast alle diejenigen, die unter TripHop einsortiert werden, das anders sehen. Die meisten, die nicht erst angefangen haben Musik zu produzieren, nachdem das neue Genre sich etabliert hatte, können ihre Wurzeln - oft HipHop, Jazz und Dub - genau benennen. Und wenn man sich die Scharen von mässig begabten TripHop-Combos, die derzeit den Markt überfluten, ansieht, muss man schnell feststellen, dass die Kombination Soundtüftler plus sexy Flüsterstimmchen noch nicht zwingend eine Tricky-Nachfolgeorganisation macht.

 

Red Snapper

Nenn es nicht TripHop, denn Red Snapper sind eigentlich eine klassische Instrumentalband. Obgleich sie keine Grundgeräusche elektronischer Klangerzeugung wie Sampler, Synthie und Drum-Computer benutzen, findet man ihre Platten in jedem TripHop-Regal. Die Briten sind momentan als einzige 'Gitarrenband' beim Techno-orientierten 'Warp'-Label unter Vertrag und wirken in Gesellschaft von Aphex Twin, Squarepusher, Autechre usw. durchaus gut aufgehoben. "Viele wundern sich, warum wir auf einem reinen Electronic-Label veröffentlichen, aber wenn man etwas weiter zurückdenkt, erschien auf Warp beispielsweise die erste Pulp-LP, Sachen von Cabaret Voltaire und Seefeel. Wir fühlen uns dort absolut wohl", erklärt Gitarrist David Ayers. Andere Angebote gab es von 'One Little Indian', 'Rykodisc' und 'Payday' - letztere hätten die Band gerne mit festem/r SängerIn gesehen, was die Gruppe nicht für nötig hielt.

Ali Freind (Bass), Richard Thair (Drums) und David Ayers, die drei Snapper-Mitglieder, spielten alle in diversen Indie- und Jazzbands, entwickelten jedoch Anfang der 90er schnell ein ausgeprägtes Interesse für Dance- und Clubmusik. Was man auf den Red Snapper-Platten hört, befindet sich irgendwo im Grenzbereich zwischen Rock und Elektronik: Dubbige, langgezogene Instrumentalstücke mit tiefgestimmtem Live-Schlagzeug, Standbass, einer sehr akzentuiert eingesetzten dirty Surf-Gitarre, dazu Saxophon-, Klarinette oder Melodica-Passagen. Bei ihrem ersten Auftritt in London standen die bekanntesten und kritischsten DJs der Stadt im Publikum. Die Band konnte kaum glauben, dass diese nach der Show begeistert waren.

Empfehlenswerte Platten
in beliebiger Reihenfolge und ohne Anspruch auf Vollständigkeit

Tek 9 (SSR/EFA)
It's not what you think it is

Attica Blues (12", Mo Wax/Import)
Blueprint

Mouse on Mars (Too Pure)
Vulvaland / Iahora Tahiti

Portishead (Go! Discs)
Dummy

Tricky (Island/Mercury)
Maxinquaye

Massive Attack (Circa/Virgin)
Blue Lines

Red Snapper (Warp/Rough Trade)
- Reeled and Skinned
- Prince Blimey

The Wiseguys (Wall of Sound)
Executive Suite

Kruder & Dorfmeister (!K7)
DJ Kicks

DJ Food (Ninja Tune)
A Recipe for Desaster

Clatterbox (Clear/EFA)
Easy Does it

Oval (Mille Plateaux/EFA)
Systemisch

Nightmares on Wax (Warp/R. Trade)
Smokers Delight

Jimi Tenor (Sähkö)
Europa

Visit Venus (Yo Mama/Indigo)
Misic for Space Tourism Vol. I

Moloko (MCA)
Do you like my tight Sweater

Diverse (Wall of Sound/PIAS)
Give 'em enough Dope Vol. 1-3

Diverse (Ninja Tune)
Flexistentialism

Diverse (Mo' Wax)
The Story of Mo' Wax

Der Jazz-Background spielt für sie auch heute noch eine wichtige Rolle. Nicht so sehr als offensichtlich vorhandenes Sound-Merkmal, sondern für ihr Selbstverständnis als Band, die es liebt, live zu spielen. Ayers: "Ich habe jahrelang Jazz gespielt, für mich bedeutet er totale kreative Freiheit." Sowohl auf "Reeled and Skinned", einer Compilation der ersten drei EPs, als auch auf dem kürzlich erschienenen Debut "Prince Blimey" findet sich jeweils ein Vocal-Track. "Auf dem nächsten Album werden wir vielleicht mal mit einer männlichen Stimme arbeiten", erklärt Ayers. "Sängerinnen sind mittlerweile ein bisschen klischeehaft geworden." 

 

Wiseguys 

Theo Keating und Paul J. Eve, aka Touché und Real, verstehen ihre Musik als puren HipHop. Die Londoner Graffiti- und DJ-Szene hat ihre Kindheit geprägt, und aus diesem Background heraus begannen sie eigene Tracks zu entwickeln.

Sie schlossen sich den Direct Current MCs an, die sie 1992 wieder verliessen, um mit Solo E. einige Tracks zu produzieren. 1994 wurden die Wiseguys ins Leben gerufen. Ihr Track 'The Real Vibes' wurde auf dem ersten Teil der "Give 'Em Enough Dope"-Compilationreihe auf 'Wall of Sound' veröffentlicht, dem Label, bei dem sie mittlerweile fest unter Vertrag sind und auf dem sie kürzlich ihr Debut-Album 'Executive Suite' herausbrachten. Dass auch ihnen die Etikette TripHop anhaftet, erklärt Theo Keating folgendermassen: "HipHop muss offensichtlich aus Amerika kommen, um als solcher akzeptiert zu werden - man muss aussehen wie diese Homegrown-Idioten, Ice-T und Konsorten, du weisst schon, Baseballkappen-Pflicht und so. Leider denken die Leute in diesen Kategorien. Ich würde allerdings sagen, das Label, auf dem wir sind, hat nicht eine einzige TripHop-Platte veröffentlicht."

Ihre Einflüsse umfassen alles, was das Plattenregal hergibt: von Soul über Funk über Rock über Jazz zu weirderem Stoff, Lounge Music und Easy Listening. "Man kann in jedem Bereich interessante Sounds finden." Aus Theo spricht die Sammlerleidenschaft des Klangfanatikers. "Alles ist ein Stück in unserem Puzzle."

Ihr Ziel war es, mit 'Executive Suite' ein abwechslungsreiches Album aufzunehmen, das den Hörer nicht langweilt oder überfordert. Ein Konzeptalbum, so Theo, sei oft zu sehr auf einen bestimmten Sound fokussiert. "Unsere Aufmerksamkeitsspanne ist eher kurz. Wenn man ein Magazin kauft, lesen die meisten Leute die kurzen Texte zuerst. Wir versuchen, HipHop zu produzieren, der die Vorstellungskraft anregt. Wenn wir ein Loop hören, aus dem wir einen Track basteln wollen, haben wir manchmal ein gedankliches Bild vor Augen, woran uns dessen Stimmung erinnert, und der fertige Track sollte möglichst den gleichen Vibe transportieren. Seltsamerweise scheint es sogar zu funktionieren, denn es ist schon öfter passiert, dass in Rezensionen zu unseren Stücken stand 'erinnert an das und das' und ich dachte 'ja, das ist es, es ist rübergekommen'."

Geschrieben wurden die Tracks für ihr Debut übrigens in Theos Wohnzimmer: "Wir schreiben die Songs zu Hause auf einem wirklich abgefuckten Amiga - einen kleinen Scheisscomputer, auf dem man normalerweise irgendwelche Spiele laufen lässt. Wenn wir dann ins Studio gehen, feilen wir die Songs auf besserem Equipment aus."

 

The Sneaker Pimps

Ein X ist ein X ist ein X ist ein X. Kaum ein anderes Zeichen oder Symbol trägt solch eine immense Bedeutungsschwangerschaft mit sich herum wie diese einfache Kreuzung aus zwei Linien. Man kann es drehen und wenden, es bleibt immer ein X. Setzt man ein 'Becoming' davor, schränkt sich zwar der definierbare Rahmen ein, aber 'Becoming X' kann auf eine wunderbare Grossartigkeit festgelegt werden: das Debut der Sneaker Pimps. Verschwindet es nach den ersten Hördurchgängen noch im Wust vieler Veröffentlichungen, so gräbt es sich nach einiger Zeit von selbst wieder den Weg ans Tageslicht und somit auch in das kognitive Bewusstsein.

Die Sneaker Pimps, Chris Corner, Liam Howe und Kelly Dayton, halten mehr als sie versprechen. Hat 'Becoming X' erst mal seinen Weg gefunden, so geht dieser nicht mehr daran vorbei, sondern mittendurch. "Begonnen hat alles damit, dass wir zu Hause anfingen, in alter 'Mo Wax'-Tradition zu komponieren", erzählt Chris. "Wir wollten unser Songwriting verbessern und kamen irgendwann dazu, kleine punkige Tröpfchen in unseren Produktionen zu verteilen." Das war aber noch vor Kellys Zeit, die erst zu den beiden stiess, nachdem diese unter dem Namen F.R.I.S.K. und Line Of Flight im britischen Untergrund operierten. Vor einigen Monaten erschien 'Becoming X', und schon auf der Popkomm im Vorprogramm von Tricky stiessen sie auf ein nicht gerade unerwartetes positives Feedback.

Stilistische Bezeichnungen und musikalische Festlegungen, die viele gerne für diese Art von Musik verwenden, treffen auf die Sneaker Pimps nicht zu. Dafür vermischen sie die Stile zu sehr. Liam ist diese Eingrenzung auch zuwider: "Es ist schrecklich. Für alles, was neu auf den Markt kommt, wird erst mal ein Produktname kreirt. Auf die Band bezogen, stellt sie das oftmals in ein Licht, in dem sie vielleicht gar nicht stehen. Der einzig positive Aspekt ist der, dass die Leute auf uns aufmerksam werden und dann eventuell unsere Platte kaufen. Aber das ist nicht unser Ziel. Das Problem ist, dass die Hörer verstehen sollen, was wir mit unserer Musik ausdrücken wollen. Wenn wir dazu komplett abstrakte Metaphern benutzten und z.B. sagen würden, dass sich 'Becoming X' wie ein Wasserfall anhört, würde das niemand kapieren."

So abstrakt ist es auch nicht. Trotz des Einsatzes vieler elektronischer Elemente haben die Sneaker Pimps ein äusserst freundliches und durchaus menschliches Album veröffentlicht, das seine volle Stilblüte erst nach einem längeren Reifeprozess abwirft und dann endlos zu duften scheint.

 

Kruder & Dorfmeister

Peter Kruder und Richard Dorfmeister haben sich mit nur zwei Maxi-Veröffentlichungen auf ihrem eigenen Label 'G-Stone', sowie einer von ihnen zusammengestellten Compilation ('DJ Kicks') ein Höchstmass an Beachtung eingefordert.

Obwohl sie noch kein komplettes Album veröffentlicht haben, sind ihre Namen häufiger auf Plattencovern vertreten als sonstwas: Das österreichische Produzenten-Team hat als Remixer alles, was Rang und Namen hat, unter den Reglern gehabt. Ihr Debut wird voraussichtlich Anfang '97 erscheinen; welche Firma die Veröffentlichungsrechte bekommt, wird erst entschieden, wenn alle Tracks fertig sind. An Angeboten mangelt es jedenfalls nicht, von 'Warner' über 'Ninja Tune' und 'Talkin Loud' haben bereits alle angefragt, doch die Wiener wollen sich ihre Unabhängigkeit möglichst lange bewahren.

"Wir haben keinen Druck, keinen Manager, das ist angenehm und das wollen wir uns noch eine Weile erhalten. Wenn wir jetzt einen Majordeal unterschreiben würden, könnten wir das vergessen. Es ist zwar eine schnellebige Branche, aber wir wollen unsere Tracks erst rausbringen, wenn sie so sind, wie wir es wollen: echt okay. Wenn es dann zu spät ist und es keiner mehr hören will, haben wir halt Pech gehabt."

Bei den ganzen Remixaufträgen haben sie viele ihrer Ideen auf andere Leute übertragen und auf diese Weise schon viel Material abgegeben. Jetzt versuchen die Wiener, etwas kürzer zu treten, um endlich einige Ideen mehr für ihr Album zu sammeln. "Man verdient ganz gut mit den Remix-Aufträgen, und wir hätten uns wahrscheinlich auch schon blödsinnig verdienen können, aber viele Angebote mussten wir einfach aus Zeitgründen ablehnen. Und man kann eigentlich immer etwas aus einem Track machen - deshalb brachen die dich ja als Remixer - weil was fehlt. Wenn's gut, cool und perfekt wäre, bräuchten sie dich ja nicht. Allerdings kostet uns ein guter Remix drei Wochen, das ist nicht in zwei Abenden getan. Wir haben da ein Qualitätslevel, unter dem es nicht geht, da kontrollieren wir uns gegenseitig. Das klingt immer ziemlich cool, ist aber tatsächlich einfach langwierig."

Nebenbei arbeiten beide als DJs, was sie als grossen Vorteil für die Produktion eigener Tracks werten. "Wenn du einen guten DJ-Abend hast, dann entsteht ein Feeling, das du generierst, und wir versuchen diese Erfahrung in unsere Arbeit einzubringen. Im Studio kann man nie genau sagen, wie und ob manche Songs funktionieren, aber wenn man sie im Club spielt, merkt man, welche Nummern Dynamik haben und welche nicht." Und: "Durch die ganze DJ-Sache und das Plattensammeln haben wir eigentlich so viele Einflüsse, dass du es kaum auf eine Seite bringst - von Aphex Twin bis Lee Perry, Miles David und andere. Eigentlich alles, was irgendwie deep ist - nicht so happy sounds."