Die Rettung hiess Dub
Der Spiegel, Nr.
52/23.12.96, S. 154
Die beiden Diskjockeys Peter Kruder und Richard Dorfmeister revolutionieren die Tanzmusik - mit wienerischer Verschlurftheit.
Simon & Garfunkel sind an allem schuld. Als der Fotograf Richard Avedon 1968 den Auftrag bekam, die beiden Musiker für das Cover ihrer Bookends-Platte aufzunehmen, liess er die beiden entspannt ihre Köpfe aneinanderlehnen - und fertig war das schwarzweisse Meisterwerk. Simon & Garfunkel galten spätestens von da an als Popstars mit gutem Geschmack.
Peter Kruder, 29, ein Friseur
aus Wien hatte Bookends auch in seinem Plattenschrank
stehen, er mochte die sanften Lieder darauf, aber am meisten
mochte er das Bild auf dem Cover. Anfang 1993 begegnete Kruder
dann Richard Dorfmeister, 28, und dieser Typ, der wie er
erfolglos in Wiener Bands herumspielte, sah tatsächlich aus wie
der junge Art Garfinkel. Das brachte Peter Kruder auf eine Idee.
Er lehnte seinen eigenen Kopf gegen den seines neuen Freundes und
drückte auf den Selbstauslöser seines Fotoapparats. Von einer
gerneinsamen Platte war damals keine Rede. Aber es gab nun dieses
Foto.
Die beiden verliebten sich so sehr in das Bild, dass sie Lust bekamen gemeinsam Musik zu machen. Sie setzen sich also in Richard Dorfmeisters Wohnzimmer und produzierten ihre erste Single - G-Stoned von Kruder & Dorfmeister gilt heute als Meisterwerk. Weil sie so ausgeruht klingt wie Bookends, vor allem aber, weil ihre Geschichte etwas Wichtiges beweist: dass Popmusik am besten ist, wenn die Form den Inhalt bestimmt.
Heute, drei Jahre später, sind Kruder & Dorfmeister gefragte Remixer und Produzenten; mit ihrem DJ-Mix aus Hip Hop, Jazz und Drum & Bass reisen sie um die Welt, und so langsam fangen ihre Freundinnen daheim an, sich zu beschweren.
Ihren Erfolg haben Kruder & Dorfmeister aber nicht nur Richard Avedon zu verdanken. Der Geschmack hat sich gewandelt: Drum & Bass und Instrumental-Hip-Hop bestimmen in den Klubs das Tempo. Und niemand anders steht so perfekt für diesen Wandel wie die zwei Jungs aus Wien.
Wenn sie daheim in ihrem Studio sitzen und ihr Faxgerät beobachten, kratzen sie sich oft verwundert am Kopf. Plattenfirmen aus aller Welt wollen ihren Stars den Kruder-&-Dorfmeister-Remix-Stempel aufdrücken, und sie bieten dafür eine Menge Geld. Das meiste lehnen die beiden trotzdem ab, aus Zeitmangel, vor allem aber wegen dieses seltsamen Gefühls, dass sie bloss aufgefordert werden, für ihren guten Namen abzukassieren.
So kommt es, dass sich internationale Pop-Grössen wie U2, Grace Jones, die Fantastischen Vier und viele andere freundliche, aber bestimmte Absagen von den beiden Österreichern einhandeln - alle Stars hatten sich Remix-Versionen ihrer Songs erbeten. Doch Peter Kruder und Richard Dorfmeister wollen sich jetzt auf ihr erstes eigenes Album konzentrieren.
Im Sommer haben sie sich zuvor noch einen kleinen Spass geleistet. Der kleine Spass heisst DJ-Kicks und ist die Idee des Berliner Technolabels Studio K7. Die Macher von K7 haben schon vor Jahren begonnen, bekannte DJs einzuladen, ihre Arbeit an Mischpult und Plattenspieler für ein paar Tage aus den Klubs in das Kürstudio zu verlegen und das Resultat auf CD zu veröffentlichen - um jedem, der nachts zu Techno getanzt hatte, dieses einzigartige Gefühl, wenn viele Dutzend Platten zu einem einzigen Stück Musik verschmelzen, auch fürs eigene Wohnzimmer zu liefern.
Auch Kruder& Dorfmeister nahmen eine "DJ-Kicks"-Einladung aus Berlin an. Die Perfektionisten hatten sich zuvor immer viel Zeit gelassen mit ihrer Musik. So wollten sie es auch diesmal halten.
Sie wählten also ihre Platten aus, Drum & Bass im wesentlichen, aus London, München und Wien, und sie machten sich ans Werk. Schnell merkten sie, dass sie in Schwierigkeiten kamen, weil die einzelnen Platten einen derart unterschiedlichen Klang hatten, dass die Arbeit immer wieder unterbrochen werden musste. "Der Dub hat uns gerettet", sagen sie heute.
Dub wurde in den siebziger Jahren in Kingston, Jamaica, erfundenen, als gelangweilte Tontüftler begannen, Reggae-Hits elektronisch zu bearbeiten. Sie entfernten den Gesang und die meisten Instrumente, bis nur noch der nackte Rhythmus übrigblieb. Mit Hilfe von Echo- und Hall-Geräten verfremdeten sie Gesang und Instrumente, mischten beides in raschem Abstand rein und raus und schufen damit neue, lässige Klänge für die Tanz-Klubs der westlichen Welt.
Mit Hilfe des Dub-Effekts stellten die Wiener nun ihre Mix-CD fertig. Über 35000 Platten wurden bisher von Kruder & Dorfmeisters "DJ Kicks" verkauft, sie ist damit eine der erfolgreichsten Mix-CDs überhaupt. Und ein grosses Missverständnis ist sie auch.
"Alle glauben, das sei unser erstes Album", sagt Richard Dorfmeister, und er weiss auch, warum. Der Dub-Effekt machte die Hörer glauben, DJ Kicks offeriere 17 Songs von Kruder & Dorfmeister. Das freut die Wiener, aber es ärgert sie auch - weil sie wegen der Urheberrechte an einer Mix-CD lange nicht soviel verdienen wie an einem eigenen Album. Und an dem wird eben immer noch gebastelt.
Wenn sie gerade mal nicht auf Reisen sind, dann sitzen Peter Kruder und Richard Dorfmeister zu Hause und kramen in ihrem Schrank nach den Platten ihrer Lieblingsmusiker. Die Hardrocker Kiss sind dort zu finden, Sly and the Family Stone und Miles Davis, der brasilianische Bossa-Nova-Komponist Antonio Carlos Jobim - und Simon & Garfunkel natürlich auch.